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Die Liebe ist saphrangelb

Prolog

Erik kniete auf einer Holzpritsche, sein Kopf lag gedankenversunken auf der rechten Hand, mit der er den Messingknauf eines Bullauges umfasste und beobachtete die eleganten schwebenden Formationen der sich immer wieder neu arrangierenden Fischschwärme im großen Labortank C.ONE. Gemäßigte Schwüle lag auf der Stille des Rundgangs, ein magisches rot-violettes Flimmern spielte auf Eriks markanten nordischen Gesichtszügen. Ich verglich die Tagesaufzeichnugen mit den Durchschnittswerten der vergangenen Monate und beobachtete meinen stillen Freund aus dem Augenwinkel. In immergleicher Körperhaltung und völlig entspannt schien er die strömenden Bewegungen des Wassers im Geiste zu adaptieren. Einziges Lebenszeichen dieses visuellen stills war das reflexartige und unwillkürliche Schließen seiner Augenlider.

Aus dem Moment heraus begann Erik sanft und voller Hingabe ein leises Mantra zu murmeln. Wie in einer verinnerlichten Choreografie wandte er sich mit frischem, klaren Blick zu mir, und sprach nun etwas kraftvoller die wenigen Worte, mit denen er offenbar seine Gedankenexkursionen zum Abschluß gebracht hatte: "Die Liebe hat eine Farbsprache."

Wir waren gerade in der tropischen Frühjahrsimulation unter veränderter starker orange-roter Illumination des Korallen-Labors C.ONE. Bei gleichbleibender Wassertemperatur von 27°C und kryptisch konstanter Tageslänge warteten wir kurz nach Vollmond auf den Moment des konzertierten Massenablaichens. Aus den Erfahrungen, die wir im großen Barriereriff gewonnen hatten, kannten wir mehr als 120 Steinkorallenarten, die unter idealen Einflüssen ihre Gameten nahezu simultan ausstoßen, was einer unnachahmlichen Eruption sexueller Aktivität gleicht. Die bestimmenden Parameter der Reproduktion konnten wir bereits am Anfang unserer Forschung mit Erfolg modulieren. Dadurch war die Induktion von Zooxanthellen gelungen, die für höhere Wassertemperaturen resistent waren, und nach einer künstlich eingeleiteten Korallenbleiche zur Revitalisierung der Korallenstöcke führte. In der nun laufenden zweiten Phase wurde der forcierende oder hemmende Einfluß des Katalysators Licht mit differenten Emissionsspektren beobachtet.

Eher zufällig waren Laborversuche zum Keimungsverhalten von transgenen Rapssorten unter differenten PUR (Photosynthetic Usable Radiation)-Messungen an die Öffentlichkeit gelangt, die das Zusammenwirken verschiedener Konzentrationen der Luftverschmutzung auf die Zusammensetzung des Lichtspektrums und der die Photosynthese steuernden Prozesse untersucht hatten. In den ersten Jahren des 21.Jahrhunderts löste die Vernetzung globaler Klimabeobachtungen einen destrukturierten Forschungsaktionismus in völlig divergierende Richtungen aus. Viele antizipierende Computersimulationen zur Entwicklung der Erderwärmung wurden von der Realität eingeholt. Der kritische Faktor bei der Beurteilung des rasant fortschreitenden anthropogenen Klimawandels und einer daraus resultierenden multilateralen Umweltpolitik war die Tatsache, dass unter hierarchischen Gesellschaftsverhältnissen, die die Zerstörung der Lebensgrundlage auf dem Planeten Erde gefördert hatten, keine radikale sozial-ökologische Neuordnung zu erwarten war. Noch nicht.

Erik hatte offenbar sensitiv wahrgenommen, was uns die High-Tec Analysen erst in der kommenden Nachtschicht mit Datenreihen belegen würden: "Die Fortpflanzung hat eine Farbsprache, und Saphrangelb wirkt stimulierend."

Ich überließ den isländischen Forschungsnomaden seinen meditativen Gedankenkomplexen, und ging hinüber zum Basis Modul der Forschungsanlage. Meine geliebten Phagozyten waren gerade in einer rubin-roten Phase.

txt.1 / stay tuned

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